Selbstdarstellung im Netz

Romantische Selfies bei Sonnenuntergang, Geschenkfotos mit Liebesbekenntnissen, Glücksgefühle und sexy Posen – viele Paare leben ihre Beziehung online, offline oder beides. BEE SECURE informiert in diesem Dossier über Selbstdarstellung im Netz und darüber, wie Liebesbeziehungen in den digitalen Medien gezeigt werden, einschließlich der damit einhergehenden Risiken.

Das perfekte Paar...

Julie und Tim sind frisch verliebt und jetzt ist es offiziell: Sie haben ihren Status auf „Vergeben“ gesetzt und auch gleich ein Foto von ihrem romantischen Date im Park gepostet. Solche Bilder finden fast alle Social-Media-Nutzer*innen hin und wieder in ihrem Newsfeed. Nicht nur die Partnersuche, auch das Beziehungsleben an sich findet zunehmend digital statt. Auf Instagram und Facebook zeigen sich Paare küssend vor Traumkulissen, händchenhaltend bei romantischen Waldspaziergängen, sie posten Fotos von Geschenken und bekunden, dass ihr*e Partner*in die*der Beste ist. Für manche gehört auch das ein oder andere sexy Foto zur Beziehung dazu. Man taggt und liked sich gegenseitig und lässt Freund*innen – oder die ganze Welt – an besonderen Momenten und tiefen Gefühlen teilhaben.

Dank Messenger-Diensten, sozialer Netzwerke oder gar spezieller Apps können Paare ihrer Liebe jeder Zeit Ausdruck verleihen und so Distanzen im Alltag leicht überwinden. Für Menschen in Fernbeziehungen kann das Internet einen wahren Segen darstellen, der die Flamme während langer Abwesenheiten am Leuchten hält. Auch Stars nutzen soziale Netzwerke, um ihre Fans und Follower über den Beginn oder das Ende einer Beziehung zu informieren und sich nah und alltagstauglich zu zeigen. Eins haben alle diese Fotos gemeinsam: sie demonstrieren glückliche Zweisamkeit und eine heile Welt.

... und seine Probleme

Dabei ist klar, dass Glück und Verliebtheit nur eine Seite des Beziehungslebens darstellen. Auch bei den glücklichsten Paaren gibt es ab und zu Probleme oder Streit, manchmal sogar über die Social-Media-Nutzung der*des anderen. Und eben einen vielleicht etwas weniger glorreichen Alltag mit Abwasch, fettigen Haaren und Jogginghosen vor dem Fernseher. Diese Seiten zeigt man allerdings nicht so gerne auf Instagram und Co.

Bei der Umfrage eines britischen Dating-Portals, gab ein ein Viertel der Befragten an, im wirklichen Leben weniger glücklich zu sein, als es vielleicht in den sozialen Netzwerken den Anschein hat und dass der Vergleich mit anderen Paaren sie an ihrer eigenen Beziehung zweifeln lässt. Der Vergleich der eigenen Lebensrealität mit der Social-Media-Welt kann Menschen dazu veranlassen, sich und ihr (Beziehungs)leben in Frage zu stellen. Sowohl bei Paaren wie bei Singles können Gefühle von Unzulänglichkeit, Eifersucht oder Neid ausgelöst werden und zu einem verminderten Selbstbewusstsein führen.

Selbstdarstellung im Netz: Identitätsfindung, Anerkennung und Kontrolle

m Internet sind die physischen und sozialen Barrieren der realen Welt aufgehoben; soziale Netzwerke bieten die Möglichkeit, sich so zu präsentieren, wie man sein möchte. Eine besondere Rolle spielen in dieser Hinsicht Selfies: überall auf der Welt halten Menschen aller Altersklassen besondere und weniger besondere Momente ihres Lebens – oder sich selbst – mit ihren Smartphones fest. Zwar ist das Selbstportrait an sich nichts Neues, doch noch nie war die dafür nötige Technik so vielen Menschen zugänglich.

Bevor Kinder selbst Selfies posten, haben die Eltern bereits oft Fotos von ihnen ins Netz gestellt. In einer britischen Studie wurde festgestellt, dass Eltern im Durchschnitt 1300 Fotos und Videos von ihren Kindern gepostet haben, wenn diese das Alter von 13 Jahren erreichen. Wenn die Kinder anfangen, selbst zu posten, steigt diese Zahl explosionsartig an: Bei einem Durchschnitt von 26 Social-Media-Posts am Tag sind das fast 70.000 Posts bis zu ihrer Volljährigkeit. Selfies spielen besonders bei Jugendlichen eine große Rolle. Laut einer deutschen Studie machen 85 Prozent der Jugendlichen Selfies, 26 Prozent sogar täglich.

Die Gründe für das Schießen von Selfies sind vielfältig. Durch die Art, sich zu inszenieren, grenzen sich Jugendliche einerseits von Eltern, Lehrkräften oder Gleichaltrigen ab, andererseits passen sie sich aktuellen Trends an, um so zu ihrer Gruppe oder Community dazuzugehören. Auch im Prozess der Selbstreflexion und dazugehörigen Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wer will ich sein?“, welche besonders im Jugendalter zur Entwicklung dazugehören, können diese Selbstporträts hilfreich sein. Die Selbstdarstellung im Internet ist eng verbunden mit dem Wunsch, wahrgenommen zu werden und soziale Anerkennung zu finden: „Was denken andere über mich?“, „Werde ich gemocht?“. Über Likes, Herzchen oder Kommentare erhalten die Jugendlichen Rückmeldungen zu Kleidung, Frisur oder Meinungen. Die Bestätigung fühlt sich gut an und kann Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen geben. Selfies können somit eine wesentliche Rolle in der Identitätsfindung spielen, einer der Hauptentwicklungsaufgaben im Jugendalter.

Hinter dem Selfie-Phänomen verbirgt sich auch ein Wunsch nach Kontrolle des eigenen Auftretens und der Situation, in der man sich gerade befindet. Bevor ein Selfie geschossen wird, werden das eigene Aussehen, andere Protagonist*innen sowie der Hintergrund geprüft. Mit speziellen Filtern und Programmen lassen sich die Fotos mit wenigen Klicks bearbeiten und das eigene Bild ins gewünschte Licht rücken. Fotos oder Videos können beliebig oft aufgenommen werden, bis das Ergebnis mit den eigenen Wünschen überreinstimmt. Dieses inszenierte Erleben erlaubt ein kontrolliertes Auseinandersetzen mit der eigenen Lebensrealität.

Soziale Netzwerke: Unterschiede in der Nutzung

Bei Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren standen 2018 der Messenger-Dienst Whatsapp, sowie die Plattformen Youtube, Instagram und Snapchat ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Facebook wird von den unter 18-Jährigen immer weniger genutzt. Die Formate der einzelnen Plattformen beeinflussen in gewissem Maße, welche Inhalte dort wie veröffentlicht und geteilt werden.

Sie unterscheiden sich durch die (wahrgenommene) Reichweite bzw. Privatheit der Kommunikation, der Authentizität der Selbstdarstellung und der Dauerhaftigkeit der veröffentlichten Inhalte. Stars und andere Vorbilder der Jugendlichen sind vor allem auf Youtube und Instagram aktiv, und werden gerne aufgrund ihres Einflusses auf das Erleben und Verhalten der Jugendlichen als "Influencer" bezeichnet.

 

Whatsapp

Whatsapp wird vor allem für private Kommunikation genutzt. Neben Textnachrichten ist auch das Versenden von Bildern, Videos und Sprachnachrichten und das Teilen des Standorts möglich.

Snapchat

In Snapchat können Bilder und Kurzvideos aufgenommen werden und dann an Freund*innen verschickt oder auf dem eigenen Profil in der Story geteilt werden. Versendete Snaps „verschwinden“ vermeintlich, nachdem der Empfänger sich das Bild angesehen hat, Story-Beiträge nach 24 Stunden. Viele Filter und Lenses ermöglichen die Nachbearbeitung der Bilder. Diese werden eher für lustige bzw. unterhaltsame, als für professionelle Bilder genutzt.

Durch die vermeintliche Vergänglichkeit sind die verschickten Bilder eher authentisch. Sie verleitet aber auch zu einer größeren Risikobereitschaft, zum Beispiel beim Sexting. Snapchat selbst gibt an, dass seine Server Snaps 24 Stunden nach Ansicht löschen, genauso wie ungeöffnete Snaps, die in Gruppenchats gepostet wurden. Ungeöffnete Snaps in Einzelchats „verschwinden“ nach 30 Tagen. Gewiefte Nutzer*innen umgehen diese Funktion durch einen Screenshot oder entsprechende Apps und behalten das Foto. Auf diese Möglichkeit weist auch Snapchat in seinen Community-Guidelines hin.

Instagram

Nutzer*innen können Fotos oder Kurzvideos aufnehmen und auf ihrer Profilseite posten oder sie direkt mit Freund*innen teilen. Instagram ist etwas mehr auf öffentliche Selbstdarstellung ausgelegt und beeindruckt vor allem auf Grund ästhetischer, oft nachbearbeiteter Fotos. Demnach wird das Netzwerk auch vermehrt von Prominenten, Unternehmen und Marken genutzt.

Youtube

Auf der Videoplattform Youtube kann jede*r Filme hochladen und mit dem eigenen Profil die Videos anderer kommentieren, sofern die Kommentarfunktion freigeschaltet ist. Youtube wird größtenteils genutzt, um Videos anderer Nutzer*innen anzusehen, die meisten laden nie ein eigenes Video hoch. Einige wenige Nutzer*innen erlangen als „Youtuber“ eine große und treue Gefolgschaft.

Der Umgang mit intimen Fotos und Videos

Auch das Verhalten und die Kommunikation im Bereich Sexualität sowie der Umgang damit haben sich durch die digitalen Medien verändert. Online-Dienste werden genutzt, um intime Details zu kommunizieren und zu teilen. Sie bieten neue Möglichkeiten für einen kreativen Umgang mit Sexualität – und damit leider auch Raum für Missverständnisse und Missbrauch.

Sexting

Der Begriff Sexting, zusammengesetzt aus den englischen Begriffen „sex“ und „texting“ (SMS schreiben), bezeichnet das selbstständige Aufnehmen und Verschicken von erotischen Text- und Bildnachrichten. Sexting wird nicht nur unter Jugendlichen, sondern in allen Altersgruppen praktiziert. Unter Jugendlichen werden „Sexts“ oft mit den Begriffen „sexy Aufnahmen/Selfies/Pics/Posingbilder“ oder „Nudes” bezeichnet. Es ist noch nicht genau erforscht, wie weit Sexting unter Jugendlichen verbreitet ist.

Die Gründe für das Versenden von Nudes sind vielfältig. Der Austausch von erotischen Bildern kann Teil eines Flirts oder einer Liebesbeziehung sein, oder aber Ausdruck des Vertrauens unter Freunden, zum Beispiel um Rückmeldung zum eigenen Aussehen zu bekommen. Für andere ist eine sexy Selbstdarstellung ein Weg, stolz und selbstbewusst rüberzukommen. In manchen Fällen fühlt sich der Versender von der*dem Partner*in dazu gedrängt, Nacktaufnahmen von sich zu verschicken, etwa als Liebesbeweis oder mit Floskeln wie „Das machen doch alle!“. Es kann auch vorkommen, dass ein Bild aus Versehen verschickt wird; der falsche Knopf ist schnell gedrückt, besonders wenn zum Beispiel Alkohol oder Drogen im Spiel sind.

Das Versenden von Nacktfotos oder freizügigen Bildern in sexy Posen kann unproblematisch verlaufen, jedoch birgt Sexting auch die Gefahr des Missbrauchs von Bildern. Immer wieder sorgen Fälle von ungewollt verbreiteten Nacktaufnahmen oder sexy Bildern für Aufregung und Leid bei den Betroffenen. Es gibt verschiedene Szenarien, warum so etwas passiert: das Paar hat Streit, eine*r der Partner*innen verkraftet die Trennung nicht und will sich durch die Veröffentlichung rächen, Unbeteiligte finden das Bild und verbreiten es „aus Spaß“, Accounts werden gehackt und Unbekannte verschaffen sich Zugriff zu den Bildern. Landen die Bilder einmal im Internet, sind sie sehr schwer wieder zu entfernen – die Situation ist nicht mehr kontrollierbar. Zudem ist die Aufnahme sowie die Verbreitung von Nudes von Minderjährigen strafbar (cf. Strafgesetzbuch, Art. 383 ff.).

Jugendliche machen sich oft wenig Gedanken, bevor sie ein Nude teilen, doch sie erhöhen mit jedem Teilen das Leid der Betroffenen. Apps wie Whatsapp, Snapchat und Instagram ermöglichen Aufnahme, Verarbeitung und Versenden von Fotos innerhalb der App. Bilder sind also schnell geschossen und verschickt. Besonders bei Snapchat wiegen sich viele Benutzer*innen in Sicherheit, da die Snaps nach dem Sehen vermeintlich automatisch verschwinden. Diese Funktion können gewiefte Nutzer*innen jedoch durch einen Screenshot oder entsprechende Apps umgehen und das Foto behalten.

Jugendliche, deren Aufnahmen geleakt wurden, schämen sich oft dafür, auch Fälle von anschließendem Cybermobbing sind bekannt. Dabei ist ganz klar: Wer ein Nude unerlaubt weitergibt, macht sich strafbar. Es ist wichtig, dass insbesondere junge Menschen ein Bewusstsein für die Gesetzeslage entwickeln (insbesondere: Strafgesetzbuch Art. 383 ff. und Gesetz vom 11. August 1982) und lernen, sich zu schützen, was auch bedeutet, Hilfe zu holen, wenn einmal etwas schief gegangen ist.

Sextortion

Neben den bereits erwähnten Szenarien der unerlaubten Verbreitung gibt es auch Kriminelle, die gezielt Druck ausüben, um an Bilder zu kommen, mit denen sie ihr Gegenüber später erpressen können. Hier spricht man dann von Sextortion (Verbindung der englischen Wörter „sex“ und „extortion“). Internetnutzer*innen werden aufgefordert, im Videochat nackt zu posieren oder sexuelle Handlungen an sich selbst vorzunehmen. Die Täter*innen nehmen diese Bilder heimlich auf. Sie fordern Geld, z.B. per E-Mail, und drohen an, die Bilder an Bekannte zu schicken oder auf Plattformen hochzuladen, falls nicht gezahlt wird. Bei Erpressung handelt es sich laut Artikel 470 des Strafgesetzbuchs um einen Straftatbestand. Auch Bilder, die bewusst und im Vertrauen an eine*n Partner*in oder Freund*in gesendet wurden, können für Sextortion missbraucht werden – etwa im Streit, nach einer Trennung oder durch Dritte, an die die Bilder weitergeleitet wurden.

Nachdem auch in Luxemburg vermehrt solche Fälle auftraten, teilweise mit Kindern, die nicht älter als sieben Jahre alt waren, beteiligte sich die Luxemburger Polizei an der Kampagne „Say No!“ der europäischen Polizeibehörde Europol.

Was tun, wenn es passiert ist?

Wenn Nudes in fremde Hände gelangt sind und im Netz kursieren, gilt es, schnell zu reagieren:

  • Sich jemandem anvertrauen, z.B. Familie, Freunde oder einer Helpline wie der BEE SECURE Helpline (8002 1234) oder dem Kanner-Jugend-Telefon (116 111)
  • Die Inhalte beim Seitenbetreiber melden (sofern nicht Anzeige erstattet werden soll - in diesem Falle sollten vorher Beweismittel sichergestellt werden, siehe unten)

Wenn jemand dazu gedrängt wird, Fotos zu senden, kann man Anzeige bei der Polizei erstatten. Um der Erpressung mit Nacktaufnahmen oder -videos vorzubeugen oder wenn man bereits erpresst wird, rät die Polizei:

  • Keine Bilder oder Videos an Unbekannte zu verschicken, nichts zu zahlen.
  • Sofort Hilfe zu suchen
  • Beweismittel abzuspeichern
  • Sofort die Kommunikation abzubrechen und den*die Täter*in zu blocken
  • Die Polizei zu benachrichtigen

Fazit

Wie viele Bereiche unseres Lebens beeinflusst das Internet auch unser Liebesleben. Trotz vieler positiver Aspekte birgt das Online-Beziehungsleben auch einige Schattenseiten. Nicht immer stimmt das Bild, das ein Paar von sich in sozialen Netzwerken zeichnet, mit seiner reellen Gefühlswelt überein. Die heile Welt im Netz kann sowohl die Paare selbst als auch andere Nutzer*innen unter Druck setzen und zu Gefühlen wie Unzulänglichkeit, Neid oder Eifersucht führen.

Besonders für Jugendliche können Schönheits- oder Beziehungsideale schnell zum Stressfaktor werden. Kunstvoll inszenierte und/oder stark optimierte Bilder haben eine Wirkung auf das Selbstempfinden, insbesondere auf das Körperempfinden. Auch die teilweise stark sexualisierten Aufnahmen von Vorbildern beeinflussen das eigene Selfieverhalten. Besonders betroffen sind junge Mädchen welche im Gegensatz zu männlichen Jugendlichen vermehrt auf diesen Netzwerken Stars und anderen Personen des öffentlichen Lebens folgen. Die Selbstoptimierungskultur, die um die Inszenierung in sozialen Netzwerken entstanden ist, verstärkt diesen Trend zusätzlich.

Beziehungen, die in sozialen Netzwerken geführt werden, sind öffentlicher und überdauern meistens die Beziehung selbst. Spuren im Netz, wie z.B. Fotos, hinterlassen auch nach der Trennung einen digitalen Fußabdruck. Moderne Apps erlauben das Schießen, Bearbeiten und Hochladen von Fotos innerhalb weniger Sekunden; sind sie erst mal im Netz, ist es derzeit nahezu unmöglich, sie überall wieder zu entfernen.

Wichtig ist, sofort zu handeln und sich gegebenenfalls Beratung und Hilfe zu holen.

Anlaufstellen:

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