Argumentationsstrategien

Nachfragen

Manche Nutzer_innen geben nur das wieder, was sie an anderer Stelle gelesen haben, ohne dass dieses „Wissen“ sich auf Fakten bezieht. Andere lesen nur die Schlagzeile eines Artikels und bilden sich daraus ihre Meinung. In solchen Fällen kann es hilfreich sein, nachzufragen. Es kann zum Beispiel eine Verständnisfrage („Was meinst du genau mit deiner Aussage?“) gestellt werden, es kann nach Beispielen oder Fakten („Gibt es vielleicht einen Zeitungsartikel zu dem Fall?“ „Woher weißt du das?“) oder nach der Intention („Worauf willst du mit deiner Aussage hinaus?“) gefragt werden. Nachfragen hilft, die Diskussion ruhig und sachlich zu beginnen. Die andere Person fühlt sich ernstgenommen, ihr wird nicht gleich etwas unterstellt. Die Antworten auf die Nachfrage geben dann die weitere Richtung vor. Im besten Fall stellt sich heraus, dass vermeintliche Hate Speech auf einem Missverständnis beruht. Es kann allerdings auch sein, dass weitere diskriminierende Äußerungen getätigt werden. Hier ist dann zu überlegen, ob die Position dafür genutzt wird, um Hate Speech weiteren Raum zu geben und diskriminierende Aussagen als „normal“ dastehen zu lassen.

Benennen

Diskriminierende Äußerungen werden als solche benannt. Das ist wichtig, um menschenverachtende Aussagen nicht als etwas vermeintlich „normales“ oder alltägliches dastehen zu lassen. Das würde solchen Äußerungen eine Legitimität verschaffen, die ihnen nicht zusteht. Ein diskriminierender Post kann auf mehrere Arten und Weisen als solcher benannt werden, zum Beispiel in Form einer Frage („Ist Ihnen bewusst, dass das eine rassistische Aussage ist?“) oder konfrontativ („Das ist eine sexistische Aussage, lassen Sie das doch!“). Es lohnt sich außerdem, auf die Community Standards oder die Netiquette hinzuweisen, um klarzumachen, dass man nicht die einzige Person ist, die diese Art von Verhalten stört. Viele Menschen reagieren verständlicherweise beleidigt, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass ihre Äußerungen diskriminierend sind. Das ist ganz normal, denn die wenigsten von uns verstehen sich selbst als rassistisch, sexistisch, usw. Deswegen ist es hilfreich, darauf hinzuweisen, dass diese Diskriminierungsformen oft strukturell in unserer Gesellschaft verankert sind und nur die Auseinandersetzung mit den eigenen Stereotypen und Vorurteilen helfen kann, diese abzubauen. Da eine Benennung schnell als persönlicher Angriff gewertet werden kann, ist es umso wichtiger, möglichst höflich und sachlich zu bleiben! Umso wichtiger, die Netiquette  im Hinterkopf zu behalten.

Sich wehren

Eine offene Diskussion ist oft die beste Verteidigung gegen diskriminierende Aussagen. Es ist besser, den Gegenüber zu einem Gedankenaustausch aufzufordern, als ihn zu stigmatisieren. Allerdings gilt es auch dabei, sachlich und höflich zu bleiben, ohne jedoch inhaltliche Kompromisse einzugehen. Eine gute Strategie ist es, die These der Diskussionsgegner_innen ohne Emotionen anzuschauen und zusammenzufassen. Fakten und Quellen für Behauptungen zu fordern kann schnell zeigen, dass die andere Person gar nicht daran interessiert ist, eine Diskussion zu führen, sondern nur ihren Hass abladen wollte. Es hilft, auf die Lücken und Fehler in den Argumenationsketten hinzuweisen. Eine gute Taktik ist es außerdem, die die verwendeten Quellen zu überprüfen. Handelt es sich dabei um unseriöse oder gar rechtsextreme Quellen?

Dies sollte auf jeden Fall benannt werden. In solchen Fällen ist auch hilfreich, auf Falschmeldungen hinzuweisen und Seiten, die entsprechende Falschmeldungen richtigstellen, zu verlinken. Dies gleicht dann schon dem „Debunking“, wobei beim „Sich wehren“ die offene Diskussion der wichtigste Faktor ist. Wie immer gilt auch beim Sich Wehren und Gegenargumentieren: Selbstschutz ist wichtiger als die Diskussion zu „gewinnen“! Wenn du dich unwohl fühlst, bedroht, beleidigt oder beschimpft wirst, breche die Diskussion ab und sorge dafür, dass es dir wieder besser geht!

Debunking

Beim Debunking handelt es um das Aufzeigen von Falschinformationen und deren Richtigstellung. Mythen, Hoaxes und Falschmeldungen werden echte Fakten gegenübergestellt, um sie so zu entkräften. Debunking richtet sich nicht nur an diejenigen, die Falschinformationen verbreiten, sondern vor allem an die Mitlesenden. Diese Argumentationstechnik funktioniert jedoch nur dann, wenn die Fakten bekannt sind, deswegen braucht es einiger Einarbeitung. Es ist auch hilfreich, eine Liste mit Links, Infografiken, usw. in einem Ordner bereit zu halten, um schnell darauf zugreifen zu können. Es geht jedoch nicht so sehr darum, Menschen mit zu vielen Informationen zuzuschütten und sie zu eventuell überfordern, sondern gezielt Mythen durch objektive Fakten zu sprengen. Es ist dabei zu beachten, dass menschenfeindliche Falschinformationen nie ganz aus der Welt zu schaffen sind, aber objektive Fakten können zur Diskussionsbereitschaft führen. Außerdem hilft Debunking anderen demokratischen Nutzer_innen, die schon in der Diskussion sind.

Es ist wichtig, beim Debunking die wesentlichen Fakten zu liefern und Falschinformationen nicht zu wiederholen. Wenn auf diese eingegangen wird, sollte klar gekennzeichnet werden, dass es sich um solche handelt.  Es besteht nämlich die Gefahr, dass diese im Gedächtnis bleiben. Bei Texten sollten die Falschinformationen in den ersten Sätzen vorkommen und die Fakten am Ende der Absätze stehen, damit sie im Gedächtnis bleiben. Wenn gegen Verschwörungstheorien argumentiert wird, ist es außerdem wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich bei den vermeintlichen Informationen um eine falsche Wahrnehmung der Welt handelt, vor der deutlich gewarnt werden muss.

Debunking sollte nicht nur diskriminierende Vorurteile, Mythen und Überzeugungen widerlegen, sondern auch eine alternative Erzählung für die besprochenen Ereignisse oder Bilder bieten. Falschinformationen bestärken menschenfeindliche Vorurteile und Weltbilder und sollten deswegen nicht die einzigen Geschichten sein, die in unserer Gesellschaft kursieren. Daher ist es wichtig, alternative Erzählungen zu posten und damit sichtbar Widerspruch zu Menschenfeindlichkeit zu äußern. Das ist für eine funktionierende demokratische Gesellschaft äußerst wichtig. Allerdings ist es auch wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und zu wissen, wann es sich lohnt, sich in Diskussionen auf ein „agree to disagree“ („Einigen wir uns darauf, dass wir uns uneinig sind“) zu einigen.

Quellen für Debunking:

  • scholar.google.com – Suchmaschine für wissenschaftliche Papers (diese erfordern jedoch ein gewisses Maß an Sachkenntnis)
  • http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/hetze die Broschüre »pro menschenrechte. contra vorurteile« der Amadeu Antonio Stiftung, die als pdf kostenlos heruntergeladen werden kann
  • hoaxmap.org – eine interaktive Karte, die Hoaxes im Bezug auf Flüchtlinge sammelt und richtigstellt
  • snopes.com – eine Seite, die allgemeine Falschmeldungen und urbane Legenden sammelt und auf ihre Richtigkeit überprüft
  • mimikama.at – wie snopes, nur für den deutschsprachigen Raum und mit Fokus auf soziale Medien

Extremismus erkennen

Extremistische Gruppen versuchen in Diskussionen auf sozialen Netzwerken Menschen zu überzeugen und für ihre Zwecke zu gewinnen. Gerade bei emotionalen Themen wie Sicherheit, Familie, Kinder oder Tierschutz versuchen sie, ihre Ideologie unterzubringen. Es ist daher wichtig, extremistische Diskurse, Codes und Phrasen als solche zu erkennen und benennen zu können. Rechtsextreme zum Beispiel gründen oft Gruppen oder Initiativen (z.B. gegen Flüchtlingsheime), in denen sie vorgeben, lediglich „besorgte Bürger_innen“ zu sein. Unter diesem Deckmantel verbreiten sie dann Hate Speech und versuchen, neue Mitglieder zu rekrutieren. Oft sind organisierte Extremisten in Diskussionen jedoch recht leicht zu erkennen, z.B. in dem man ihre Profile anschaut und ihre Likes analysiert.  Beim Diskutieren mit Extremisten ist jedoch Vorsicht geboten. Ziel ist es, die Mitlesenden zu überzeugen, nicht die Extremisten selbst! Drohungen von deren Seite sind meistens sehr ernst gemeint, deswegen immer die eigenen Daten schützen, mit anderen vernetzen und organisieren!

Alternativen aufzeigen

Eine der besten Möglichkeiten, gegen Hate Speech aktiv zu sein, ist es, positive Alternativen aufzuzeigen. Das können einzelne Artikel sein, die mit Mythen aufräumen und Fakten präsentieren, die man in sozialen Netzwerken teilt. Teilweise gibt es auch Medienprojekte, die sich einem speziellen Thema (z.B. Flüchtlinge oder Sexismus) annehmen und die Realität abseits diskriminierender Diskurse aufzeigen. Eine andere Möglichkeit ist es, die eigenen Gruppen so frei von Diskriminierungen wie möglich zu gestalten, in dem ein Code of Conduct erstellt und eingehalten wird. Das können Facebookgruppen sein, aber es ist auch möglich in anderen virtuellen Sphären ein Zeichen zu setzen, z.B. in Gaming-Clans oder Nutzer_innengruppen in spezialisierten Netzwerken wie Last.fm (Musik), Goodreads (Bücher) oder Ravelry (Stricken und Häkeln) sein.