Die Hintergründe

Therapeuten berichten, dass sich oft Eltern an sie wenden, deren Kinder einen problematischen Medienkonsum aufweisen. Einige von ihnen verbringen an einem normalen Schultag 12 Stunden ihrer Freizeit vor dem Computer – am Wochenende noch mehr. Doch wie kommt es dazu?

Faszination soziales Netzwerk:

Soziale Netzwerke helfen nicht nur bei der Selbstfindung, sondern auch beim Beziehungsmanagement. Es ist leicht, darüber mit vielen Menschen in Kontakt zu bleiben, neue Freundschaften zu bilden oder ehemalige wieder aufleben zu lassen. In der Timeline sieht man die neusten Posts: Wer hat was getan, welche Fotos hochgeladen oder kommentiert? Praktisch ist auch die Message-Funktion. Dank Chat und Privat- oder Gruppennachrichten kann man rund um die Uhr online mit Freunden in Kontakt bleiben. Das setzt einen wiederum unter Druck. Nachrichten, die innerhalb von einer Sekunde beim Empfänger ankommen, wollen am liebsten genau so schnell beantwortet werden.

Genau wie Computerspiele, funktionieren auch soziale Netzwerke nach dem Prinzip des Sich-Auslebens in einer Parallelwelt. Hier kann der Benutzer ohne großen Aufwand verschiedene Identitätsmodelle ausprobieren und darauf direktes Feedback von anderen Usern bekommen. Wer täglich Zeit im Netzwerk verbringt, merkt schnell, was gut ankommt und was nicht. Ein cooles Foto, ein aufsehenerregendes Status-Update oder ein lustiges Video: Das Online-Profil will rund um die Uhr gefüttert werden mit Infos, auf die die Community schon sehnsüchtig  wartet. Im sozialen Netzwerk zählt nicht, wer man wirklich ist, sondern nur, wer man vorgibt zu sein.

Faszination Computerspiel:

Es ist leicht, sich so in seinen Avatar (Spielfigur) hineinzuversetzen, dass man tief in das Spiel eintaucht, und von dem, was um einen herum im realen Leben passiert, nichts mehr mitbekommt. Im Spiel kann das so genannte „Flow-Erleben“ stattfinden: Alles geht wie von selbst und eine spannende Handlung geht in die nächste über. Dabei wird der Spieler dank des Belohnungssystems hoch motiviert. Erfüllt er seine Aufgabe, wird er sofort durch Items, Punkte oder ein höheres Level belohnt. Das erweckt Gefühle wie Glück oder Stolz und animiert zum Weiterspielen.

Computerspiele funktionieren nach klaren Regeln. Jeder Spieler weiß genau, was er zu tun hat und kennt die Folgen seines Handelns. Das gibt Sicherheit und Halt. Auch Freundschaften entstehen in der „Spieler-Community“, sogar wenn sich die User nur unter Pseudonymen kennen und sich im richtigen Leben nie sehen.

Rückzugsort Computer

Die positiven Erfahrungen im Computerspiel (Akzeptanz, Charakterstärke, Belohnungssystem, Kohärenz) können allerdings im realen Leben zum Nachteil werden. Nämlich dann, wenn sie ausschließlich im Spiel stattfinden und die betroffene Person innerhalb seines realen sozialen Umfelds vergeblich nach diesen positiven Erfahrungen sucht.

Jugendlich, die einen problematischen Medienkonsum aufweisen, kennen oft innerhalb der Familie keine klaren Regeln, sei es weil die Eltern kaum Zeit haben und das Kind in seiner Freizeitgestaltung komplett auf sich allein gestellt ist, oder weil die Familiensituation schwierig ist und nur wenig Halt und Konsequenz bietet. Das ist belastend und erschwert das Zurechtfinden in der realen Welt. Das reale Leben ist längst nicht so einfach gestrickt, wie ein Computerspiel. Oft bekommt man trotz redlicher Mühe nicht die Anerkennung, die man verdient. Das führt zu Demotivation und nimmt einem die Lust, sich weiter anzustrengen. Schnell hat man eine „Null-Bock-Mentalität“ entwickelt. In der wahren Welt sind es Gefühle wie Angst vor dem Versagen, Leere und Scham, denen man sich stellen muss. Den sicheren Hafen, von dem aus man nach Belieben alles erkunden, entdecken und ausprobieren kann, gibt es im realen Leben nicht. Hier hat jede Handlung unmittelbare Konsequenzen für einen selber.