Liebe im Zeitalter der Dating-Apps

Zwei Menschen treffen sich zufällig auf der Straße, im Bus oder in der Bahn, kommen miteinander ins Gespräch, verabreden sich auf einen Kaffee, verlieben sich vielleicht. Diese aus vielen Liebesfilmen bekannte Szene erscheint vielen jüngeren Menschen so antiquiert wie etwa eine SMS. Heute heißt es bei Tinder, Lovoo und Co: Wischen, Liken, Daten. BEE SECURE informiert in diesem Dossier über die Entwicklung des Datings und über Chancen und Risiken des digitalen Liebeslebens.

Moderne Romanzen

Digitales Dating ist im Zeitalter des Internets, in dem sich ohnehin ein großer Teil des sozialen Lebens abspielt, ein konsequenter Schritt und für viele Menschen bereits so alltäglich wie Online-Banking oder -Shopping. Die Wurzeln des digitalen Datings liegen in den 90er-Jahren: Erstmalig wurden kommerzielle und vor allem massenkompatible Dating-Websiten eingerichtet. Der Siegeszug des digitalen Datings konnte allerdings erst durch die Verlagerung der Angebote auf Apps Einzug halten. War das Anmelden auf Dating-Websites vergleichsweise umständlich, für weniger erfahrene Menschen mit großem Aufwand verbunden und zumeist kostenpflichtig, sind Apps heute für jeden Menschen mit Zugang zu einem Smartphone niedrigschwellig einzurichten und zu bedienen. Bereits 2010 gaben laut einer Studie der Universität Philadelphia 20% der Befragten an, ihren Partner per Online-Dating kennengelernt zu haben. 2018 waren es bereits 40%. Statista verzeichnet in einer Studie, dass im Jahr 2017 die Mitgliedschaften bei Online-Dating-Portalen in Deutschland bei etwa 8 Mio. Menschen  liegen.

Metastudien, die diese Zahlen in ein Verhältnis zu ähnlichen Befragungen in den 1960er-Jahren setzten, stellen fest, dass die Digitalisierung der Dating-Kultur die Liebe vollständig revolutioniert hat. Suchten und fanden Menschen aufgrund des mangelnden Zugangs zum Fernverkehr ihre Partner meistens in der unmittelbaren Umgebung und heirateten – zumeist aus finanziellen Gründen – alsbald, so ermöglichte Online-Dating den Zugang zu tausenden und abertausenden Menschen mit derselben Intention: Nämlich einen Partner oder doch zumindest eine kurzweilige romantische Beziehung zu finden. Dabei ist weder der räumlichen Distanz noch den eigenen Vorlieben eine Grenze gesetzt. Die meisten Apps oder Websites lassen gezielte Suchen nach Partnern mit bestimmtem Aussehen, Hobbys, Bildungsgrad usw. zu – und schaffen dabei somit vollkommen neue Formen der amourösen Vernetzung. Ein Beispiel für diese Trendwende beschreibt Nicola Erdmann, Managing Editor ICONIST der Zeitschrift „Die Welt“: Durch die große Auswahl an potentiellen Partnern werden die User zunehmend wählerisch. Schon kleinste Details – die falsche Lieblingsserie im Profil, ein als nicht-lustig-genug empfundener Spruch – sorgen dafür, dass das Gegenüber als Liebschaft ausgeschlossen wird. In diesem Zusammenhang spielt auch das Aussehen eine immer wichtigere Rolle. Beginnen die User andere Menschen durch die riesige Anzahl an datingbereiten Singles bereits nach den kleinsten körperlichen Unstimmigkeiten „auszusortieren“?

Vom Liebesbrief zum Love-Reaction-Smiley

Was im vorigen Jahrhundert der Liebesbrief gewesen sein mag, findet heute transverbal und parallel auf unterschiedlichen Plattformen gleichzeitig statt. Ist der Erstkontakt zwischen zwei Menschen per Dating-App oder -Plattform erst einmal hergestellt, verlagert er sich schnell auf Whatsapp, Instagram, Telegram usw. Die Kommunikation dort ist vielfältig und mitunter hochkomplex. Sie ist eine Verquickung von klassischen Textbotschaften, Smiley-Reaktionen, Memes und Videobotschaften. Dafür ist vor allem Medienkompetenz notwendig. Wer in den zahlreichen Spielarten der digitalen Kommunikationen unerfahren ist, empfindet insbesondere sehr selbstreferentielle Formen dieser (allen voran Memes) als undurchsichtig. Beachtlich ist jedoch, dass der eingangs angesprochene Liebesbrief durch das neuartige Spiel mit Buchstaben, Zeichen Formen und Videos nicht etwa ersetzt worden ist: Klassische Textformen und innovative Formen der Kommunikation koexistieren, sorgen somit gemeinsam für zahlreiche Formen der amourösen Ausdrucksformen und laden darüber hinaus zum Experimentieren ein.

Dating Apps – Was ist das genau und wie benutze ich sie?

Registrierung: Grundsätzlich werden Dating-Apps in zwei Kategorien unterschieden. Singlebörsen, die eher auf lockeren Kontakt ausgelegt sind, und Partnerbörsen, bei denen die gezielte Suche nach dem geeigneten Partner im Vordergrund steht; die Übergänge sind fließend. Obwohl es dutzende – wenn nicht sogar hunderte – Dating-Apps, gibt, ähneln sie sich hinsichtlich des Registrierungsvorgangs und der Anwendung deutlich. Im Folgenden sollen daher Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden.

Um Fake-Profilen entgegenzuwirken ist zumeist eine Verknüpfung des Dating-Profils mit einem anderen Social-Media-Account (z.B. Facebook) oder gar ein Zugriff auf die internen Daten des Smartphones notwendig. Insbesondere bei bezahlungspflichtigen Apps, die dafür mit einem erhöhten Standard werben, kann es sogar notwendig sein, Daten aus dem Personalausweis anzugeben. Dies birgt das Potential für Datenbetrug oder sogenanntes Scamming, also digitalem Raub oder Betrug. Allerdings kann auch die Qualität einer Dating-App meist bereits daran erkannt werden, wie vehement die App gegen Fake-Profile vorgeht und für die Sicherheit ihrer Kunden in dieser Hinsicht garantieren möchte. 

Erstellen des Profils: Nach der Anmeldung folgt zumeist das Erstellen des eigenen Profils. Dating-Apps, die mit anderen Social-Media-Plattformen gekoppelt werden müssen, lesen oftmals bestimmte Daten automatisch aus und fügen diese ein. Die App Tinder etwa muss mit dem Facebook-Account des Nutzers oder seiner Telefonnummer kombiniert werden und zeigt automatisiert den entsprechenden Nutzernamen, das Alter und den bei Facebook angegebenen Beruf an. Laut Tinder soll dies verhindern, dass Nutzer hinsichtlich der Angaben lügen. Allerdings ist es vielfach möglich, die Angaben auszublenden. Bei vielen Apps obligatorisch ist zudem ein Profilbild, ohne den ein Account oftmals nicht freigeschaltet wird. Viele Nutzer versuchen sich hier verständlicherweise möglichst vorteilhaft zu präsentieren, um die Chancen bei einem potentiellen Partner zu erhöhen: Etwa durch das Zuschaustellen von imposanten Hobbys, trainierten Körpern oder monetärem Wohlstand, liegt hier auch ein großes Risiko: Es sollten auf den Bildern möglichst weder die Adresse, noch andere persönliche Daten zu sehen sein. Auch ist darauf zu achten, dass die präsentierten Bilder nicht zu explizit sind und somit der User nicht zum Opfer einer späteren Erpressung werden kann.

Benutzen der Apps: Nach dem Registrieren und Erstellen des Profils kann es losgehen mit dem schreiben, flirten, daten. Die meisten Dating-Apps arbeiten mit Geodaten und mobiler Ortserkennung, um benutzerdefiniert potentielle Partner in der Nähe anzuzeigen, sodass das Aktivieren der GPS-Funktion vielfach obligatorisch ist. Bei anderen Apps können auch gezielt Nutzer aus bestimmten Gebieten angezeigt werden. Auch ist das Filtern von Usern mit bestimmtem Alter, bestimmten Hobbys, Bildungsgrad usw. möglich. Um zu gewährleisten, dass nur Kontakte mit beidseitigem Interesse zustandekommen, benutzt bspw. die App Tinder eine Funktion, bei der Likes an potentielle Liebschaften verteilt werden können. Die Chatfunktion wird allerdings erst aktiviert, wenn der oder die jeweils andere ebenfalls mit einem Like bestätigt hat. Ob der jeweils andere Nutzer sein Interesse im Vorfeld mit einem Like bekundet hat, wird allerdings erst ersichtlich, wenn ebenfalls geliket worden ist. Ähnlich wie bei vielen anderen Apps ist Tinder in der Grundfunktion kostenlos. Durch eine monatliche Zahlung kann der eigene Account jedoch ein Upgrade erfahren. Bspw. ist es so möglich, dem Gegenüber durch ein „Super-Like“ das Interesse zu bekunden – auch wenn dieser bis dato noch kein Like zurückgegeben hatte. Dieses Zahlungsmodell nach der Zwiebelmethode ist eine Gemeinsamkeit vieler Dating-Apps. Auch geben viele Dating-Apps aktiv Tipps, um den Erfolg beim jeweils anderen Geschlecht zu erhöhen, sobald die App bemerkt, dass in letzter Zeit wenige Likes verteilt oder eingeheimst wurden. Viele Menschen sehen sich dadurch veranlasst, auch freizügige Bilder von sich einzustellen.

The Romance Scam – „Wie ein Vampir“

Dominique (Name geändert) suchte per Tinder, so ihre eigene Aussage, nach der großen Liebe – und wäre beinahe an einem Mann zerbrochen, der sie und bis zu neunzehn andere Frauen gezielt manipuliert und finanziell ausgenutzt haben soll. In einem Bericht in der deutschen Onlineausgabe der Zeit berichtet sie, dass der derzeitig flüchtige Täter enorm charmant aufgetreten sei. Gezielt habe er sie nach ihren Familienverhältnissen, ihren Hobbys, kulinarischen Vorlieben, nach einfach allem, ausgefragt. Das Gefühl dabei ausgehorcht zu werden, habe sie nicht gehabt. Zu einnehmend sei der Charme des jungen Mannes gewesen. Über sich selbst jedoch habe er nur selten, und wenn überhaupt sehr ausweichend, reden wollen. Nach einigen Monaten dann plötzlich der Schock: Nachdem sie täglich mehrere Stunden über die App Tinder, später auch über andere Apps, kommuniziert hatten, meldete sich ihr Gegenüber überhaupt nicht mehr. Dominique gerät in Sorge, hat sie sich doch längst in den ihr persönlich unbekannten Mann verliebt. Wenige Tage später taucht er wieder auf, berichtet von drängenden Problemen. Er sei unverschuldet in Not geraten, benötige dringend Bargeld. Dominique glaubt ihm und überweist das dringend benötigte Geld – und sieht ihren "Liebhaber" nie wieder. „Wie ein Vampir“, so sei der Mann aus dem Internet gewesen,“er sauge Frauen die Lebensenergie aus“.

Fälle wie der von Dominique sind keine Einzelfälle. Bei Dating-Apps suchen User gezielt nach Personen, die sie systematisch manipulieren und berauben können. Die Ziele sind meist ältere Herren und Damen, die die Mechanismen des Internet-Datings (noch) nicht durchschaut haben oder Menschen, denen bereits in der Vergangenheit psychische oder physische Gewalt angetan worden ist. Die Scammer treten dominant auf, bieten ihren Opfern eine besonders aufregende Lebensgeschichte an und geben sich seriös. Ihr Profil soll dieses Lügengerüst stützen. Während ihre Berufe entweder besonders vertrauenserweckend (Arzt, Tierpfleger, Krankenpfleger…) oder prestigeträchtig (Anwalt, Architekt, Professor…) erscheinen, sind die Profilbilder zumeist aus dem Internet gestohlen. Die Scammer schaffen es, sich im Leben des Opfers durch emotionale Zuwendung, kleine Geschenke oder kurzfristige Unterstützung unverzichtbar zu machen – ohne sich jedoch jemals real Treffen zu wollen. In der Regel wollen die Betrüger entweder Geld erpressen oder aber an ausländische Ausweispapiere gelangen.

Cyber-Grooming

Doch nicht nur Erwachsene setzen sich beim Online-Dating Gefahren aus. Obwohl Dating-Apps in der Regel ein Mindestanmeldealter von 18 Jahren voraussetzen, ist es für Minderjährige für gewöhnlich kein Problem sich trotzdem anzumelden. Im Gegensatz zum Scamming sind Jugendliche im Kontext des Internetdatings jedoch zumeist eher einem anderen Risiko ausgesetzt: dem Grooming. Grooming bezeichnet die gezielte Annäherung von Erwachsenen an Minderjährige, mit dem Ziel, sexuelle Handlungen an ihnen zu vollziehen. Das Netzwerk „Schau hin“ beschreibt dabei vier Phasen der Annäherung:

  1. Kontakt herstellen: Ähnlich wie beim Scamming sind die Profile der Groomer meist Fake. Die Bilder zeigen (gleichaltrige) attraktive junge Männer oder Frauen und sind von anderen Personen gestohlen. Seltener geben sie sich auch von Beginn an als Älter aus und versuchen so mit beeindruckenden Berufen oder einer bestimmten Attitüde Minderjährige zu beeindrucken. Besonders perfide ist dabei eine neue Masche, bei der sie sich als Talentscout einer Modelagentur ausgeben um so an Bilder der Opfer zu gelangen.
  2. Identität überprüfen: Täter versuchen an Informationen über ihre Opfer zu gelangen (Sind sie wirklich minderjährig? Wo wohnen sie?), etwa indem sie Bilder von ihnen fordern oder versuchen an Links zu den Social-Media-Accounts ihrer Opfer zu gelangen.
  3. Vertrauen aufbauen: Täter versuchen das Vertrauen ihres Opfers durch gezielte Manipulation der Wahrnehmung zu erlangen. Die Methoden sind dabei sehr unterschiedlich. Gemein ist ihnen jedoch, dass an die Lebenswelt der jungen Menschen angeknüpft werden soll. Es wird Verständnis für die alltäglichen Probleme der Jugendlichen vorgetäuscht. Groomer haben in der Regel ein sehr gutes Wissen darüber, was Jugendliche bewegt und nutzen dies gezielt, um sich im Leben des Opfers unverzichtbar zu machen. Diese Methode wird durch attraktive Geschenke verstärkt.
  4. Übergriffe: Groomer versenden in diesem letzten Schritt explizites Material an ihre Opfer, versuchen sich der Social-Media-Präsenzen zu bemächtigen oder sich dem Kind im realen Leben zu nähern. In letzterem Fall soll das aufgebaute Vertrauen genutzt werden, um dem Treffen einen unschuldigen Anschein zu verleihen. Als Treffpunkt wird z.B. ein Schwimmbad vorgeschlagen. Sollte sich das Opfer dem Groomer zuvor anvertraut haben, werden gezielt Informationen benutzt, um es unter Druck zu setzen. Mitunter schämen sich die Opfer, sich Eltern, Lehrern oder Freunden anzuvertrauen, da sie sich mitschuldig fühlen.Dadurch, dass Kinder und Jugendliche wesentlich bereiter dafür sind, einem Treffen auch mit Unbekannten zuzustimmen und bei Social-Media-Plattformen freiwillig sehr viele Daten von sich preiszugeben, handelt es sich um ein weitverbreitetes Problem. Laut der KIM-Statistik aus dem Jahr 2016 haben drei Prozent der Jugendlichen zwischen 6 und 12 Jahren bereits Kontakt mit einem Groomer gehabt. Zwei Prozent sogar mehrmals. Dabei sind Mädchen deutlich häufiger das Ziel eines Groomers als Jungen. Die Statistik gibt weiterhin an, dass die Kontaktaufnahme in den meisten Fällen per Instagram, Facebook oder Whatsapp geschieht.

Wie kann ich mich gegen Grooming schützen/ wehren?

  • Begleiten Sie ihr Kind anfangs beim Anmelden auf Social-Media-Plattformen
  • Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind Sicherheitsregeln. Das Angeben von sensiblen persönlichen Daten, kompromittierenden Bildern oder das Posten des Aufenthaltsortes mithilfe diverser GPS-Standortdienste sollten Tabu sein. Andererseits ist es auch wichtig, dass dem Kind Vertrauen geschenkt wird, um eigenverantwortlich den Umgang mit Social-Media-Diensten zu lernen.
  • Benutzen Sie die integrierten Funktionen der Social-Media-Plattformen, um sich gegen Belästigung oder unliebsame Kontakte zu wehren. Die meisten Dienste bieten eine integrierte Meldefunktion sowie verschiedene Möglichkeiten Benutzer zu blockieren.
  • Falls Ihnen ein Profil seltsam erscheint, gibt es verschiedene Möglichkeiten, es auf seine Validität zu überprüfen. Die Google-Bilder-Suche bietet bspw. die Möglichkeit Bilder einzuspeisen und auf ihre Herkunft zu überprüfen. Achten Sie auch auf standardisiert klingende Nachrichten und klicken Sie nicht unbedarft auf Links.

Fazit

Dating-Apps haben das Datingverhalten der Menschen nachhaltig verändert. Sie vernetzen Menschen und ermöglichen es ihnen, den Partner nicht nur im engsten Umfeld, sondern überall auf der Welt finden zu können. Das Geflecht aus komplexen Zeichen- und Bildernachrichten, mit dem die Kommunikation nicht nur in den Dating-Apps, sondern auch beim Anschlusskontakt transverbal stattfindet, fördert die Medienkompetenz und spricht darüber die Kreativität junger Menschen an. Doch mit der zunehmenden Verlagerung des Lebens in diverse Social-Media Plattformen steigt auch die Gefahr, das Opfer eines Scams zu werden; insbesondere, da viele Menschen mit ihren Daten im Internet eher sorglos umgehen und sich mit den Risiken des Onlinedatings nur rudimentär beschäftigen. Laut einer Studie des Onlineportals von Focus waren im Jahr 2016 bis zu 50% aller User der Datingapp Lovoo bereits von Scamming betroffen. Deshalb urteilt der Software-Security-Experte Christian Mueller: „Achtsamkeit und ein kritischer Blick auf die Angebote von Dating-Apps sind unerlässlich. Dann steht der Suche nach der großen Liebe eigentlich nichts mehr im Wege“.

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