Sexistische Hate Speech

Oft haben wir das Gefühl, Sexismus wäre ein Phänomen, das der Vergangenheit angehört. Leider trügt der Schein: sexistische Hate Speech ist omnipräsent. In diesem Dossier erklären wir, was Sexismus ist und klären, ob sexistische Hate Speech in Luxemburg illegal ist. Wir erläutern die sexistischen Strategien, die im Netz angewendet werden und geben Tipps, wie man sich dagegen wehren kann.

Was ist Sexismus?

Als Sexismus bezeichnen wir die Diskriminierung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Obwohl in den letzten Jahrzehnten viele Schritte zur Gleichberechtigung getan wurden, ist Sexismus immer noch ein häufiges Phänomen, das fest in unserer Gesellschaft verankert ist. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass in einer Befragung der European Union Agency for Fundamental Rights (2014) 67 Prozent der Frauen in Luxemburg angaben, schon einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Im EU-Durchschnitt waren es 55 Prozent. Dies kann in der Öffentlichkeit, im Beruf, der Schule, im sozialen Umfeld - oder eben im Internet passieren. Gerade junge Frauen erleben dort häufig sexistische Angriffe. Das Spektrum der Attacken reicht von herabwürdigenden Sprüchen, sexuell expliziten Beleidigungen über die Androhung oder Befürwortung sexualisierter Gewalt bis hin zur Veröffentlichung echter oder manipulierter Nacktaufnahmen.

Besonders stark betroffen von sexistischer Hate Speech sind Frauen, die sich politisch äußern, sei es als Politikerin, Journalistin oder Aktivistin. Dabei ist immer wieder zu beobachten, dass Frauen ganz anders kritisiert werden als ihre männliche Kollegen: Ihr Aussehen und ihre Kleidung werden häufiger bewertet, außerdem wird ihre sexuelle Selbstbestimmung häufig in Frage gestellt. Die britische Tageszeitung Guardian hat untersucht, welche ihrer Journalist_innen am meisten Hate Speech zugeschickt bekommt. Das Ergebnis war leider wenig überraschend: Von den zehn Journalist_innen, die am meisten Hass abbekamen, waren acht Frauen. Die zwei anderen waren schwarze Männer.

Es sind aber nicht nur „bekannte“ Frauen und Mädchen, die Sexismus im Netz erfahren. Auch bei der ganz alltäglichen Nutzung können sie zur Zielscheibe sexistischer Hate Speech werden, wenn sie sich öffentlich äußern. Gerade in vermeintlichen „Männerdomainen“ wie der IT oder Computerspielen erleben Frauen oft sexistische Hate Speech. Gamerinnen werden besonders oft beschimpft, wenn sie gut sind und den Männern die Show stehlen. Das liegt nicht unbedingt daran, dass es einige wenige überzeugte Sexisten gibt, sondern daran, dass in unserer Gesellschaft viele sexistische Strukturen immer noch existieren.

Ist sexistische Hate Speech illegal?

Im luxemburgischen Code Pénal ist in den Artikeln 454 bis 457-4 (das Kapitel VI „Du racisme, du révisionnisme et d'autres discriminations“) die Strafverfolgung von Hate Speech geregelt. Um strafrechtlich relevant zu sein, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

Es muss sich um Anstiftung zum Hass oder zur Gewalt handeln, die sich gegen eine physische oder moralische Person, Gruppe oder Gemeinschaft richten. Im Falle von sexistischer Hate Speech kommt dabei vor allem das Geschlecht als diskriminierendes Element in Frage, wobei Diskriminierungen gegenüber der familiären Situation ebenfalls strafbar sind und oft Frauen treffen.

Diese Anstiftung zum Hass oder Gewalt muss durch öffentliche Kommunikation konkretisiert werden zum Beispiel sprachliche oder schriftliche Aussagen im öffentlichen Raum, Bilder oder Plakate.

Wie kann sexistische Hate Speech aussehen?

Sexistische Hate Speech kann, wie jede Form der Hate Speech, vielfältige Formen annehmen. Wir beschreiben hier einige Spielarten, dabei sei aber darauf hingewiesen, dass die Grenzen oft verschwimmen und Mischformen dieser Strategien oft vorkommen.

Beleidigung

Unter Beleidigung verstehen wir das öffentliche Beschimpfen oder Verspotten einer Person. Sexistische Hate Speech setzt hier vor allem auf sexuell konnotierte Schimpfwörter.

Drohung

Unter Drohungen verstehen wir die Androhung von Verletzungen des Körpers, der Freiheit, Ehre oder die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz oder der gesellschaftlichen Stellung. Bei Drohungen geht es darum, dem Opfer Angst einzujagen. Im Extremfall kann dies dazu führen, dass die Opfer sexistischer Hate Speech sich nicht mehr vor die Tür trauen oder an Angststörungen oder dem posttraumatischen Stresssyndrom erkranken. Bei sexistischer Hate Speech sind besonders oft Drohungen zu finden, die Bezug auf die Sexualität des Opfers nehmen oder mit sexualisierter Gewalt drohen.

Nötigung

Nötigung heißt, dass versucht wird, eine Person mit Gewalt oder durch Drohungen zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen.

Ein Beispiel dafür wäre: „Wenn du weiterhin solche Artikel schreibst, stelle ich unvorteilhafte Fotos von dir ins Netz.“

StalkingUnter Stalking versteht man das Verhalten, eine Person gegen ihren Willen und über längeren Zeitraum ständig zu verfolgen oder ihr nachzustellen. Dies kann persönlich, telefonisch oder im Internet passieren.

Online-Stalking kann zum Beispiel darin bestehen, jede Aktivität auf einem sozialen Netzwerk (negativ) zu kommentieren. Für die Betroffenen bedeutet Stalking enormer psychischer Druck.

Mansplaining

Der Begriff „Mansplaining“ setzt sich auf den Wörtern „Man“ (dt. „Mann“) und „explaining“ (dt. „Erklären“) zusammen und benennt das Verhalten vieler Männer, die Frauen „die Welt erklären“ wollen. Sie erklären einerseits Dinge, die Allgemeinwissen sind oder wollen mit Fachwissen brillieren, ohne danach gefragt worden zu sein. Besonders für Frauen in männerdominierten Sparten ist dieses Verhalten sehr anstrengend, da ihr Wissen und ihre Talente nicht anerkannt werden. Auch wenn „Mansplaining“ in vielen Fällen gut gemeint sein mag: Die Tendenz, die Intelligenz und das Wissen von Frauen und Mädchen zu unterschätzen, ist sexistisch – auch wenn sie weit verbreitet ist.

Bodyshaming

„Bodyshaming“ bedeutet, dass eine Person aufgrund ihres Körpers abgewertet wird. Dazu gehören zum Beispiel übergriffige oder gemeine Kommentare über Größe, Gewicht, Kleidung und Aussehen einer Person. Frauen und Mädchen sind von Bodyshaming häufiger betroffen als Männer und Jungs. Bodyshaming wird oft als Strategie eingesetzt, um Frauen zum Schweigen zu bringen. Ziel ist es, dass Frauen und Mädchen sich schämen und sich aus der Diskussion zurückziehen. In unserer Gesellschaft wird der Wert von Frauen oft dran gemessen, wie attraktiv sie für Männer sind – was natürlich die Freiheit der Frauen beschränkt.

Slutshaming

Auch „Slutshaming“ ist eine sexistische Taktik, mit der versucht wird, Frauen und Mädchen zu erniedrigen und zu verunsichern. Ihnen wird aufgrund ihres Kleidungs- oder Lebensstils unterstellt, eine „slut“ (abwertender Begriff für eine sexuell freizügige Frau) zu sein. Sexuelle Freizügigkeit, ob real oder nur unterstellt, wird als etwas Negatives dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist die Unterstellung, eine Frau habe sich für eine berufliche Position „hochgeschlafen“.

Victim Blaming

Unter dem Begriff „Victim Blaming“ (dt. „dem Opfer die Schuld geben“) wird die Tendenz verstanden, Frauen und Mädchen, die Opfer von sexualisierter Gewalt oder Sexismus wurden, die Schuld in die Schuhe zu schieben oder ihnen das Gefühl zu geben, sie trügen durch ihr Verhalten, Aussehen oder ihre Kleidung Mitschuld an dem, was passiert ist.

In der deutschsprachigen Blog-Szene ist die Seite hatr.org entstanden. Durch ein Plugin werden Hass-Kommentare von den entsprechenden Blogs gelöscht und auf hatr veröffentlicht. So wird einerseits die überwältigende Menge an Hasskommentaren dokumentiert und andererseits durch die Einblendung von Werbung Geld für feministische Projekte gesammelt.

Wie kann ich sexistische Hate Speech erkennen?

Um Sexismus im Netz zu erkennen, lässt sich der DON-Test anwenden. DON steht dabei für „Degradierung, Objektifizierung, Naturalisierung“. Diese Begriffe lassen sich wie folgt anwenden:

  • Degradierung: Männer sind besser als Frauen.
  • Objektifizierung: Frauen werden wie Gegenstände dargestellt oder behandelt oder mit Gegenständen verglichen (Dies kommt oft in der Werbung vor).
  • Naturalisierung: Männer und Frauen werden als unveränderbare natürliche Kategorien dargestellt, die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sollen somit als „natürlich“ akzeptiert werden.

Oft reicht auch schon die Frage, ob Sie eine Darstellung eines Mannes in der gleichen Pose oder Rolle akzeptieren würden – erstaunlicherweise wirken sehr viele Dinge, die Frauen zugemutet werden, sehr schnell absurd, wenn die Geschlechterrollen umgedreht werden. Ein gutes Beispiel dafür, wie absurd diese sexistischen Rollenbilder oft sind, ist die Facebook-Seite „Man who has it all“, die das gesellschaftliche Väter/Mütter-Bild ins Gegenteil verkehrt.

Was kann ich tun?

Wenn Sie auf sexistische Hate Speech reagieren wollen, gibt es dafür verschiedene Strategien:

Nicht persönlich nehmen

Wer Opfer sexistischer Hate Speech wird, sollte versuchen, dies nicht zu persönlich zu nehmen. Die Beleidigungen haben oft weniger mit Ihrer Person oder Ihren Argumenten als mit der Persönlichkeit des Haters zu tun. Allerdings sollte der Einfluss von Hate Speech auch nicht unterschätzt werden, auch wenn man ein „dickes Fell“ hat. Sexistische Angriffe zu erfahren ist auf jeden Fall anstrengend.

Nicht mitmachen und Solidarität zeigen

Viele sexistische Strategien funktionieren (wie Mobbing) nur mit einem Publikum. Alle, die mitlesen sind Teil davon, auch wenn sie nicht aktiv mitmachen. Deswegen ist es wichtig, Solidarität zu zeigen und gemeinen oder belästigenden Kommentaren zu widersprechen. Es bietet sich an, über die „Hater“ und nicht mit ihnen zu reden und den Betroffenen Mut zu machen. Eine gute Strategie ist auch, z.B. etwas zum ursprünglichen Thema zu schreiben und den Hass-Postern so zu zeigen, dass ihre Kommentare uninteressant sind.

Gegenrede

Daneben kann es aber auch sehr hilfreich sein, auf sexistische Hate Speech mit Gegenrede zu reagieren. Damit zeigen Sie nicht nur Mitlesenden, dass Sexismus nicht unwidersprochen im Netz stehen kann, sondern Sie solidarisieren sich auch mit den betroffenen Frauen und Mädchen. Es gibt viele verschiedene Strategien, wie Sie mit Menschen, die Hate Speech verbreiten, diskutieren können. Nützliche Tipps dazu finden Sie in unserem Dossier über Gegenrede. Dabei sollten Sie jedoch nie den Selbstschutz vergessen: Es ist wichtig, sich beim Diskutieren im Netz nicht zu übernehmen und die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Auch zum Thema Selbstschutz haben wir einige Hinweise zusammengestellt.

Hilfe erhalten

Sie sind selbst Opfer von Hate Speech geworden? Ihre Freunde oder Bekannten sind betroffen? Sie sind Zeuge von schlimmen diskriminierenden Aussagen gegen eine Menschengruppe im Internet geworden? Unter diesem Link erfahren Sie, wie und wo Sie Hilfe erhalten können.
www.bee-secure.lu/de/tools/kampagnen/share-respect/wo-kann-ich-erste-hil...

Melden

Hate Speech (bzw. die in Luxemburg juristisch strafbaren Kategorien Rassismus, Revisionismus und Diskriminierung) kann anonym bei der BEE SECURE Stopline gemeldet werden, das Formular dafür finden Sie auf Französisch, Deutsch und Englisch unter stopline.bee-secure.lu.

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Quellen: